Taijiquan

»Der menschliche Körper will Arbeit und Bewegung haben …«

Diese Worte des chinesischen Arztes Hua Tuo (2.–3. Jh. n.Ch.) haben bis heute nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt, ja, sie haben sogar noch an Aktualität gewonnen: Sie enthalten die Maxime der chinesischen Übungswege Taijiquan und Qigong, die, über die Jahrhunderte hindurch in China praktiziert, im Lauf des letzten Jahrhunderts auch in den Westen gelangten und sich steigender Beliebtheit erfreuen. Sie sind eine ernsthafte Alternative zu Sport und Fitnesstraining geworden, geben sie doch andere Antworten als diese auf die Fragen der Menschen in den westlichen Industriegesellschaften: Wie erhalte ich mich gesund und leistungsfähig und kann gleichzeitig zu innerer Ruhe und Gelassenheit finden?

Im Vorwort zum ersten deutschsprachigen Buch von 1968 zu diesem Thema findet sich eine Diagnose, die auch heute noch zutreffend ist:

»Der moderne Mensch ist verkrampft und nicht entspannt, durch Angst in übersteigerte Aktivität gestoßen, seiner selbst und seiner Umgebung entfremdet. Das Wesen der Achtsamkeit ist verlorengegangen, ebenso die höchste individuelle Kraftmöglichkeit. Wenn man lernt, vollkommenen Atemrhythmus zu gewinnen und zu erhalten, entfernt man nicht nur das Hindernis schlechter Funktionen(Krankheit), schließlich lässt das Ich sogar die quälende Subjekt-Objekt-Dualität fallen, die das Bewusstsein beherrscht und die Lebensenergien in Konflikte treibt. Loslassen der Energien unterstützt den Fortschritt der schöpferischen und fruchtbaren Arbeit.«
(Stephan Palos, Atem und Meditation)

 

Im Laufe des halben Jahrhunderts hat eine rasante Entwicklung stattgefunden. Gab es zu Beginn der 1970er Jahre so gut wie keine Taiji- oder Qiqong-Lehrer in Deutschland, so ist das Angebot heute so vielfältig wie unüberschaubar: es reicht von der esoterischen Bewegungsmeditation spirituell Suchender über die Entspannungsübungen, die der Arzt gegen Rückenschmerzen empfiehlt bis zu »authentischem« Taiji, das den Anspruch erhebt, die klassischen und unverfälschten Fassungen – so, wie sie vor 150 Jahren mal entstanden sein sollen – zu lehren. Denn ursprünglich war Taijiquan als Kampfkunst entwickelt worden, die, unterschieden in fünf Hauptstile, im 19. Jahrhundert innerhalb einer Familientradition ›geheim‹ weitergegeben wurden; die andere Richtung, die bald weit größere Verbreitung fand, war und ist das ›öffentliche‹ Taijiquan, bei dem die Zugehörigkeit zu einer Traditionslinie keine Rolle spielt(e).

Heute, nach über 40-jähriger Erfahrung mit dieser Bewegungskunst, beschreibt Meister Frieder Anders das Taiji so:

 »Taiji oder Taiji Quan ist ein ganzheitlicher Weg zu sich selbst. Es ist Körpertherapie, weil es einen lehrt, die eigene Haltung und Bewegung zu verbessern und dadurch Krankheiten und Beschwerden, die durch ›Fehlhaltung‹ bedingt sind, zu lindern und zu heilen. Es ist ›Energiearbeit‹, weil seine Bewegungen den Fluss der inneren Energie Qi freilegen und aktivieren. Es ist praktizierte Spiritualität, weil es die eigene Individualität vom Ich zum Selbst durch die Erfahrung erweitert, Bestandteil des Kosmos zu sein. Es ist ein Weg der Selbstbehauptung, die nicht auf Kosten anderer realisiert wird, sondern mit der Entwicklung eines ›Spürbewusstseins‹ einhergeht, das gleichermaßen Eigenes und Fremdes unterscheiden und anzuerkennen lernt. Es ist ein Weg zur inneren Kraft, welche die eigene Aggressivität transformiert und umwandelt in eine reale Kraft, die ohne willkürliche Muskelanspannung und Einsatz des Körpergewichts andere abwehren kann, ohne sie verletzen zu müssen. Es ist ein Weg, ein ›energetischer Mensch‹ zu werden.«

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