Den Drachen reiten: Innere Kraft entwickeln

»Der Drache ist ein Tier, das Geheimnisse verkörpert. Egal, ob er nun über ein Königreich tief unten im Meer herrscht oder sich über die Wolken erhebt, um dem Herrn des neunten Himmels eine Botschaft zu überbringen, der Drache bewegt sich mit ungebändigter Kraft durch die chinesische Mythologie. Er ist das Symbol für alles Chinesische … Westliche Schüler … müssen sich zuerst ein Verständnis für die chinesische Art zu denken, zu fühlen und sich auszudrücken aneignen, um überhaupt vom Studium […] profitieren zu können. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass das nicht leicht ist; es ist, als wolle man einen Drachen reiten.«
(Aus: Zhang Yu Huan/Ken Rose: Den Drachen reiten. München 2001)

Innere Kraft ist der Prüfstein für Inneres Taiji. Meister Chen Weiming (1881–1958), ein Schriftsteller, im Taiji Schüler und Mitarbeiter (auch Co-Autor) von Yang Chengfu (1883–1936) beschreibt sie in einem Text von 1928, der auch für heute gültig ist, so:

»Viele üben heute Taiji, aber es nicht das wahre Taiji. […] Mit wahrem Taiji ist dein Arm wie Eisen, umwickelt mit Baumwolle. Er ist sehr weich und fühlt sich doch schwer an für jemanden, der ihn zu heben versucht. […] Wenn du den Gegner berührst, sind deine Hände weich und leicht, aber er kann sie nicht loswerden. Dein Angriff ist wie eine Kugel, die glatt etwas durchschlägt (gān cuì) – ohne Zuhilfenahme von schwerfälliger Kraft. Wenn er zehn Fuß weggestoßen wird, fühlt er ein wenig Bewegung, aber keine Kraft. Und er empfindet keinen Schmerz. […] Wenn du (schwerfällige) Kraft einsetzt, kannst du ihn vielleicht bewegen, aber es ist nicht gān cuì. Wenn er versucht, (schwerfällige) Kraft einzusetzen, um dich zu kontrollieren oder dich wegzustoßen, ist es, als wollte er den Wind oder die Schatten fangen. Überall ist Leere […] wahres Taiji ist wirklich wunderbar.«

Wer diesen Weg im Taiji beschreitet, lernt, den Drachen zu reiten.

Was bedeutet Innere Kraft für das Alltagsleben? Das Stichwort ist hier: Gewaltlosigkeit. Kämpfen zu lernen – also den eigenen Raum zu behaupten – ohne andere zu verletzen oder zu zerstören. Die Fähigkeit zu besitzen, gleichzeitig bei sich selbst zu sein und den anderen wahrzunehmen, um in den Dialog mit ihm zu treten. Erfahren, den anderen anzunehmen, weil man ständig übt, sich selbst anzunehmen. Inneres Taij lehrt, wie es geht, freundlich zu gewinnen.

»Freundlichkeit kann man den Menschen nicht mit Härte beibringen – und sei die Härte auch noch so sparsam dosiert […] Der Versuch, den Menschen Freundlichkeit durch Maßnahmen der Härte beizubringen, ist dasselbe wie der sprichwörtliche Krieg, der die Kriege abschaffen soll. Härte ermuntert Härte; sie ermuntert niemals zur Güte […] Mit Sicherheit ist es die wesentliche ethische Botschaft des Daoismus.“(R. Smullyan, »Das Tao ist Stille«)

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