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Qigong und Tai-Chi: Ein gerader Rücken kann nicht entzücken

03. August 2026 | Frieder Anders | Qigong und Tai-Chi: Ein gerader Rücken kann nicht entzücken

Die Form stimmt. Die Bewegungen sind über Jahre hinweg verfeinert. Und trotzdem stellt sich die innere Kraft nicht ein, die eigentlich entstehen sollte: Nach dem Üben fühlt sich der Körper müder an als vorher, Nacken und Schultern verspannen sich, und Bewegungen, die mühelos wirken sollten, kosten sichtbar Kraft.

Wer lange und ernsthaft übt, sucht den Fehler meist zuerst bei sich selbst – bei der eigenen Ausführung, der eigenen Disziplin. Dieser Beitrag geht einer anderen Möglichkeit nach: dass nicht die Ausführung das Problem ist, sondern eine Grundannahme, die selten hinterfragt wird – die künstlich gerade gehaltene Lendenwirbelsäule. Ein Prinzip, das aus der stillen Sitzmeditation stillschweigend in die stehende und bewegte Praxis des Qigong und mancher Tai-Chi-Stile übernommen wurde.

Die vier Disziplinen der Selbstkultivierung

Im klassischen China gründete die ›Lebenspflege‹ auf vier Säulen der Selbstkultivierung:

  • Wen die literarische und philosophische Bildung
  • Wu die Kampfkünste und die »Pflege des Lebens« (Tai Chi Chuan, Qigong)
  • Shu die künstlerischen Fertigkeiten (Malerei, Musik, Kalligrafie)
  • De die Übung von Selbstbeherrschung, Ethik und Tugend

Da die stille Meditation oft ein zentraler Bestandteil des Qigong (wörtlich: ›Übung der Lebensenergie‹) war, wanderte eine bestimmte körperliche Vorgabe unbemerkt in den Stand: der aufrechte Rumpf mit gerader Lendenwirbelsäule.

Das ›Fasten des Herzens‹ und der gefangene Atem

Weg der klassischen Sitzmeditation war in China historisch als ›quietistischer‹, also auf absolute Ruhe bedachter Weg, konzipiert. Man versuchte, die Unruhe des Geistes durch ein gezieltes Ruhigstellen des lebendigen, widersprüchlichen Seelenlebens zu erreichen.

Diese Ruhigstellung wurde als Fasten des Herzens bezeichnet. Das Ziel: durch die Zügelung der Emotionen eine ›spirituelle Stille‹ zu erlangen. Dazu diente die gerade Lendenwirbelsäule, die im Sitzen von selbst entsteht. Der evolutionäre Nebeneffekt: Durch die Begradigung wird der Atem im Bauchbereich blockiert. Es wird verhindert, dass der Atem und die damit verbundenen Emotionen in die oberen Atemräume – Brust und Rücken – aufsteigen können. Die Gefühle werden im Unterbauch ›eingefroren‹.

 

Atmest du nur ein bisschen und nennst das Leben?
Mary Oliver, amerikanische Dichterin, 1935–2019

Der Atem ist die direkte Schnittstelle zwischen unserem autonomen Nervensystem und unseren Gefühlen. Jede Emotion bringt ein charakteristisches Atemmuster hervor, das den ganzen Körper erfasst. Unsere Sprache weiß darum seit jeher:

  • Es verschlägt mir den Atem.
  • Einen langen Atem haben.
  • Seinem Ärger Luft machen.
  • Da stockte mir der Atem.
  • Erleichtert aufatmen.

Kann der Körper wirklich wie verdorrtes Holz sein
und das Herz der Geist wie erloschene Asche?

Zhuangzi, daoistischer Philosoph

Qigong: Stehen wie ein Baum
oder stehen wie ein toter Pfahl?

Dieses ›Fasten des Herzens‹ mag in der ernsthaften spirituellen Praxis des ›Sitzens in Versenkung‹ seinen Platz haben. Es ist jedoch nicht auf die dynamischen Bewegungen des Qigong übertragbar.

Die klassische Anweisung für die Grundhaltung im Qigong lautet meist, die Knie leicht zu beugen und das Steißbein wie ein Lot nach unten auszurichten, um das Hohlkreuz komplett künstlich zu begradigen. Damit soll man Stehen wie ein Baum (Standmeditation).

Das Problem: Eine künstlich brettgerade gehaltene Wirbelsäule mag einem gerade gesägten Baumstamm ähneln, hat aber keine lebendigen Wurzeln. Die Ähnlichkeit mit einem toten Holzpfahl ist größer als die mit einem organischen, tief verwurzelten Baum. Diese starr fixierte Haltung nötigt den Körper und blockiert die Entfaltung des gesamten Organismus.

Hedonismus: der daoistische Gegenentwurf
des ›Goldenen Jetzt‹

Wie könnte ein Qigong aussehen, das Emotionen nicht unterdrückt, sondern sie als reine Quelle unserer Lebenskraft feiert, zulässt und transformiert?

Die Antwort liegt in der zweiten großen, oft vergessenen Strömung des Daoismus: dem Hedonismus.

»Dem hedonistischen Daoismus ging es darum, das ohnehin viel zu kurze menschliche Leben voll auszuschöpfen und sich für nichts und niemanden aufzuopfern.« Wolfgang Bauer, Sinologe

Der daoistische Philosoph Yang Zhu (4./3. Jh. v. Chr.) prägte hierzu das Prinzip der Vervollständigung des Lebens (Quansheng). Seine Prämisse: Bei der richtigen Pflege des Lebens ist es am wichtigsten, keinen seiner Sinne und Wünsche zu unterdrücken. Man tyrannisiere sich nur selbst, wenn man sich nicht das zu hören, sehen, tun oder denken getraue, wozu man Lust habe: zwanglose Freiheit der Gedanken, schöne Formen, vitale Bewegung.

»Ein vervollständigtes Leben ist das beste [Leben]. Ein Leben, das nicht vollständig ist, verhält sich [zu einem vervollständigten Leben] bereits zweitrangig. An nächster Stelle kommt der Tod. Am schlimmsten aber ist das Leben, welches genötigt wird.« Yang Zhu

Yang Zhu suchte die Erfüllung des Lebens nicht in seiner zeitlichen Ausdehnung durch starre Askese, sondern in seiner Intensivierung im Augenblick. Er war der Entdecker des Goldenen Jetzt.

Das LebenstorQigong®: Beweglichkeit
statt starrer Lendenwirbelsäule

Genießen und Entfalten der eigenen Lebenskraft gewinnt man in aufrechter Bewegung nicht mit einer stillgelegten Wirbelsäule. Rumpf und Becken sind durch ein hochelastisches, sehr bewegliches Scharnier über dem Beckenkamm (zwischen dem 4. und 5. Lendenwirbel) verbunden. Dieses erlaubt dem Rumpf Neigungen und dreidimensionale Drehungen.

An die Stelle von Starrheit tritt im LebenstorQigong® die bewusste Beweglichkeit, die die Lebenskraft weckt. Das geschieht durch die Aktivierung des Tores des Lebens: Ming Men.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin ist das Ming Men der energetische Ankerpunkt zwischen den Lendenwirbeln (L1/L2 bzw. L2/L3). Hier ist unsere ursprüngliche Lebenskraft verankert, weil am Ming Men die anatomischen Zwerchfellpfeiler an der Lendenwirbelsäule angewachsen sind. Durch fein abgestimmte Bewegungen des Beckens üben wir einen direkten, regulierenden Einfluss auf die Atmung aus.

Wahrer Atem: Der Einklang von SEIN und TUN

Das von mir entwickelte LebenstorQigong® (entstanden als evolutionärer Zwilling des Atemtyp-Tai-Chi) nutzt diesen Doppelcharakter des Atems. Es verbindet den autonomen Ruheatem (es atmet uns) mit dem bewussten, kraftvollen Leistungsatem (ich atme).

Der ›wahre Atem‹ fordert uns auf, die Atembewegungen voll auszuschöpfen, die Emotionen als Kraftquelle zuzulassen und zu wandeln. Die Methode basiert auf den atemtypspezifischen Gesetzmäßigkeiten nach Erich Wilk (1915–2000):

  • Der solare Ausatmertyp findet seine Kraft in der aktiven, geführten Ausatmung (seiner starken Phase). Er neigt den Körper leicht nach vorne und verwurzelt sich über die Ballen.
  • Der lunare Einatmertyp findet seine Kraft in der aktiven, geführten Einatmung (seiner starken Phase). Er benötigt die aktive Aufrichtung und den Kraftimpuls aus den Fersen.

Die jeweilige Gegenphase geschieht vollkommen reflexhaft, leer und unkontrolliert. So bringen wir die zwei Pole des Lebens – SEIN und TUN – über den Atem in ein perfektes, dynamisches Gleichgewicht. Es ist gleichzeitig anregend und entspannend, aktiv und meditativ. Es ist der pure Gegenentwurf zum »Leben, welches genötigt wird«.

Beobachten statt behaupten: dein erster Schritt

Wer diesen fundamentalen Unterschied an der eigenen Praxis überprüfen möchte, muss dafür weder die eigene Schule wechseln noch ungesehen etwas Neues glauben. Der einfachste Schritt ist das eigene, unvoreingenommene Spüren im eigenen Körper.

Was sich durch das Öffnen des Lebenstors und das Zulassen des wahren Atems im System verändert, lässt sich unmittelbar beobachten – nicht bloß behaupten. 

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