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Hier nun etwas ausführlicher der philosophische Hintergrund zu Turtle Body: Warum gilt der aufrechte Gang im Westen als Ideal, und warum sieht Tai-Chi den Menschen ganz anders?
Der aufrechte Gang: je edler, desto höher
Das westliche Ideal der aufrechten Haltung hat seinen Ursprung in der griechischen Philosophie, und der Kopf spielt dabei die wichtigste Rolle. Als »Wohnstätte des Göttlichsten und Heiligsten in uns« wird er »in überragender Stellung« gehalten und getragen. Der übrige Körper muss ihm zu Diensten sein.
Der Autor Kurt Bayertz zeichnet diese Geschichte in seinem Buch ›Der aufrechte Gang: Eine Geschichte des anthropologischen Denkens‹, München 2013, nach. »Am Anfang besteht der Mensch nur aus einer vom Demiurgen geschaffenen Seele.« Der ›Demiurg‹ bezeichnete ursprünglich einen ›Anfertiger‹ oder ›Erbauer‹, bei Platon dann den göttlichen Schöpfer. Seine Hilfsgötter waren die Planeten, die man als rund ansah. Sie bauten den Kopf nach dem Vorbild des Kosmos als rundes Behältnis der Seele.
Damit der Kopf nicht unkontrolliert auf der Erde umherkugelte, konstruierten die Hilfsgötter in einem zweiten Schritt Rumpf und Gliedmaßen als ›Fahrgestell‹ für den Kopf. Der Rumpf dient zugleich als Behälter für zwei weitere Seelenteile: Der tapfere, ehrliebende Teil sitzt im Brustkorb, der animalische, triebhafte im Unterleib.
Der umgekehrte Baum
Dazu kommt die Vorstellung, dass die Wurzeln des Menschen nicht auf der Erde liegen, sondern im Himmel. Der Philosoph Lutz Geldsetzer schreibt:
»Die aufrechte Körperhaltung des Menschen resultiert also nicht allein aus der internen Hierarchie seiner Seelenteile, sondern auch aus der himmlischen Herkunft seiner Seele und aus der himmlischen Nahrung, die er einzusaugen sucht. Während er mit seinen Füßen auf dem Boden steht, wendet sich sein Kopf dem Himmel zu […] evoziert wird hier das Bild eines Baumes, eines Lebewesens, dessen vertikale Struktur der des Menschen äußerlich ähnlich ist. Aber der Mensch ist nicht einfach ein Baum, sondern ein umgekehrter Baum, weil seine ›Wurzeln‹ nicht unten in der Erde, sondern oben im Himmel sind.« (Lutz Geldsetzer, Philosophische Anthropologie, WS 98/99, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)
Diese innere Hierarchie hat sich im Westen über die Jahrhunderte gehalten, ungeachtet der jeweiligen Weltanschauung. Mabel Todd beschreibt in ›Der Körper denkt mit. Anatomie als Ausdruck dynamischer Kräfte‹ (Bern 2003, Original: ›The Thinking Body‹) die körperlichen Folgen dieser Leugnung der Verwurzelung in der Erde:
»[…] die oberen Körperteile [werden] beim Menschen intellektuellen Beschäftigungen zugeordnet sowie der Sammlung von Erfahrung bei der Nutzung seiner Hände und der Entwicklung seiner Sprache. Dies und eine falsche Vorstellung von äußerer Erscheinung und Gesundheit führte beim Menschen dazu, sein Kraftempfinden von der Körperbasis zu den obersten Teilen seiner Körperstruktur zu leiten. Da er nun den oberen Teil des Körpers für seinen Krafteinsatz nutzte, wählte er eine umgekehrte Verhaltensweise zu der der Tiere und verlor dabei einen Großteil seiner sensorischen Möglichkeiten und die Kraftkontrolle durch die Muskeln der unteren Wirbelsäule und des Beckens.«
In der Kunst zeigt sich dieses Streben ›nach oben‹ am deutlichsten im Ballett: Die Bewegungen gehen weg von der Erde, die nur dazu dient, sich von ihr zu entfernen und die Schwerkraft zu besiegen. Im Alltag erkennt man das Ergebnis, wenn man einen Erwachsenen auffordert, ›gerade‹ zu stehen:
»[…] Auf Grund seiner selbstkonditionierten Reflexe reagiert er mit unterschiedlichen, oft grotesken Bewegungen des Oberkörpers. […] [Er] zieht […] die Schultern nach hinten, hebt und weitet die unteren Rippen, zieht das Kinn zurück und steift den Nacken.« (Mabel Todd)
Ganz anders in China: die Drei Kräfte
In China wurde die aufrechte Haltung des Menschen anders verstanden. Sie soll Himmlisches nicht vom Irdischen abgrenzen, sondern beides verbinden und den Menschen so zu einem Teil der Drei Kräfte machen.
Analog dazu stehen die drei ›Seelenteile‹ Kopf, Brust und Unterleib für Himmel, Mensch und Erde. Sie gelten als gleichberechtigt, vom Geist geführt, aber nicht von ihm beherrscht.
Die Körperachse im Tai-Chi
Im Tai-Chi gilt die Körperachse als Verbindung von Erde und Himmel, als Teil der Erdachse. Der Rumpf wird von gebeugten Knien getragen, damit die Wirbelsäule gerade werden kann.
Dazu scheint ein ›bolzengerades Kreuz‹ als Stütze des Rumpfs nötig, wie es die meisten Tai-Chi-Varianten üben: Die S-Form der Lendenwirbelsäule wird ›begradigt‹. An dieser Achse hängen Arme und Beine, die Beine als Fahrgestell des Rumpfes, die Arme als anhängende Greifwerkzeuge. Das entspricht dem westlichen Ideal, in dem der Körper nur das Instrument ist, den Kopf zu tragen.
Doch in der S-Form der Wirbelsäule steckt bereits eine Achse. Sie muss weder einer geometrischen Säulenform angepasst werden, noch darf man ihre natürliche Krümmung vergrößern, um dem Ideal des ›Nach-oben‹ zu entsprechen. Das ständig ›bolzengerade‹ Kreuz im Tai-Chi und Qigong mindert die Lebensenergie, wie ich in einem anderen Blogbeitrag geschrieben habe. Und die Ausrichtung nach oben mit ausgeprägtem Hohlkreuz schafft Platz für das Ego, das sich im Brustkorb einnistet. Welche Ziele es auch verfolgt, religiöse oder irdische: Es hat seine Verbindung mit der Erde verloren.
Verwurzelung in der Erde
Entscheidend ist, die Verwurzelung in der Erde zu verwirklichen. Die Wurzeln des Menschen liegen nicht im Himmel, sondern unter seinen Füßen. Das lässt sich im Tai-Chi und im LebenstorQigong® üben, das in Aufbau und Ausrichtung dem Konzept des Turtle Body folgt.
Mehr dazu: Download PDF ›Turtle Body‹ weiter unten.
