Ein Riss geht durch die Tai-Chi-Welt

04. Dezember 2025 | Frieder Anders | Ein Riss geht durch die Tai-Chi-Welt

Worin besteht er?

Die Tatsache, dass es zwei verschiedene Atemtypen gibt, wird generell nicht berücksichtigt. 

In Tai Chi gibt es seit jeher die Frage nach der richtigen Körperhaltung – aufrecht oder schräg? Kerzengerade stehen oder leicht nach vorn geneigt?

Am Anfang folgen die Schüler/innen ihrem/r Lehrer/Lehrerin und kopieren deren Körperhaltung und Bewegungen: entweder aufrecht oder schräg – verständlich, weil sie nur das lernen können, was ihnen vorgemacht wird. 

Mit fortschreitender Praxis wird das Vorbild jedoch von einigen Schüler/innen hinterfragt, weil sie spüren, dass sie lieber anders stehen und sich bewegen möchten. Und wenn der Blick dann noch über den Horizont der Schule, der man angehört, hinausgeht, kann die Frage formuliert werden: Was stimmt denn jetzt, soll ich eher aufrecht oder leicht schräg nach vorn geneigt stehen? Ich möchte eigentlich so, anders als es mir vorgemacht wird - und dann grübelt man darüber, was besser sei, oder es gibt Streit, wie man hier nachlesen kann (Wuhun –Magazin für chinesische Kampfkunst, Artikel Der Körper steht zentriert und aufrecht, Heft 1, 2006).

Aber die Antwort ist ganz einfach: der individuelle Atemtyp hält sie bereit. Jeder Mensch ist von Geburt an, geprägt durch den Einfluss von Sonne oder Mond, entweder ein Einatmer- oder ein Ausatmertyp.

Der Atemtyp Einatmer holt seine Kraft im Einatmen, der Atemtyp Ausatmer generiert sie beim Ausatmen. Auch wenn man seinen Atemtyp nicht kennt, ist man davon beeinflusst, weil die Körperhaltung davon geprägt wird:  beim Einatmer richtet die stärkere Einatemphase den Körper auf, hingegen folgt die Körperhaltung des Ausatmers der sinkenden Bewegung seiner starken Ausatemphase und wird dadurch leicht vorgebeugt geprägt. Also: kerzengerade aufrecht die Einatmer und leicht nach vorn geneigt die Ausatmer.

Die innere Kraft, das Ziel von Tai Chi, gewinnt man nur in einer Körperhaltung und mit Bewegungen, die dem eigenen Atemtyp entsprechen. Das ist meine Erfahrung und Erkenntnis aus 20 Jahren Erforschung des Atemtyps im Tai Chi Chuan.

In der ITCCA (International Tai Chi Chuan Association), die von Meister K.H.Chu Ende der 1970-er Jahre in London gegründet und von mir von 1979 bis 2005 in Deutschland und der Schweiz als Repräsentant vertreten wurde, lässt sich der Riss konkret nachvollziehen:  

Meister Chu ist Einatmer, sein Lehrer, Großmeister Yang Shouzhong (1910–1985) war jedoch Ausatmer und praktizierte in vorgeneigter Körperhaltung. 

Meister Chu tat es, solange er noch sein Schüler war, ebenfalls. Erst nach dessen Tod begann er, seiner Einatmer-Intuition zu folgen und die Körperhaltung immer aufrechter werden zu lassen; nach eigener Aussage brauchte er dazu etwa 15 Jahre, um zu seiner inneren Kraft zu finden.

https://www.taijiakademie.de/atemtyptaiji

Allerdings war nie die Rede von den Atemtypen, denn diese Unterscheidung wurde und wird in China nicht gemacht. Um die Tradition, die gebietet, dem Vorbild des Meisters zu folgen, nicht zu verlassen, behauptete er – nach dem Unterschied zwischen seiner nun aufrechten und der vorgeneigten Haltung seines Lehrers befragt – dass dieser immer, wenn beide zusammen Tai Chi übten, genauso aufrecht gestanden hätte, wie er, Chu.  In den wenigen Videos und Fotos von Meister Yang hätte dieser sich nur verstellt, um das Geheimnis der aufrechten Haltung nicht preiszugeben. Also seine, Chus, aufrechte Haltung, sei die einzig wahre, weil sie in der Tradition stehe. Ein Schelm wer Schlechtes dabei denkt …

So lehrt Meister Chu alle Schüler/innen die aufrechte, (unerkannte) Einatmertyphaltung – für die Ausatmer, die besser beim Vorbild der geneigten Körperhaltung von Meister Yang aufgehoben wären, ist das aber kontraproduktiv oder sogar schädlich. 

Das war und ist sicher mit ein Grund, dass viele seiner Schüler/innen die ITCCA verlassen haben, auch wenn sie den Unterschied der Atemtypen gar nicht kannten.

Ich selbst bin Einatmer wie Meister Chu, hatte deswegen Glück, von ihm 1:1 lernen zu können – 26 Jahre lang. 2005 trennte ich mich von ihm, weil mir die Nichtberücksichtigung der Atemtypen, die ich in meiner Gesangsausbildung kennengelernt hatte, zunächst auffiel – und dann missfiel.

Resultat: Ich wurde ›verstoßen‹ und fortan totgeschwiegen, wie es anderen Meistern der Vergangenheit erging, die ihre Lehrer verließen. Eigentlich müsste mein Foto in der Traditionslinie als Meister der 6. Generation in der Yang Familientradition stehen, als der ich von Meister Chu 2002 anerkannt wurde.

https://www.itcca.com/de/europe

Ich habe in meiner Arbeit seit 2005 alle Schüler in ihrem individuellen Atemtyp unterrichtet, so den Riss geschlossen und das Tai Chi mit AtemtypTaichi wieder ›ganz‹ gemacht. Und meine Lehrerschüler/Schülerinnen   geben diese ganzheitliche Lehrweise seit einiger Zeit weiter – das nährt die Hoffnung, dass in Zukunft mehr Tai-Chi-Interessierte den Weg zu ihrem eigenen Atemtyp finden und das Tai Chi so üben können, dass ihre individuellen Anlagen gefördert werden.