Doppelgewichtigkeit erkennen | Yang Chengfu 4/10

05. Oktober 2026 | Frieder Anders | Doppelgewichtigkeit erkennen | Yang Chengfu 4/10

Stehst du im Tai-Chi im 70/30-Stand und musst trotzdem mit Muskelkraft gegenhalten, sobald dich jemand schiebt? Dann liegt das womöglich an einem Fehler in der Gewichtsverteilung, vor dem schon die klassischen Texte warnen: die Doppelgewichtigkeit.

Im vierten seiner zehn Prinzipien fordert Yang Chengfu, Leere und Fülle zu unterscheiden. Die meisten Übenden verteilen ihr Gewicht so, dass das volle Bein mit 70 % des Gewichts belastet wird und das leere Bein 30 % trägt. Doch diese Gewichtsverteilung bedeutet nicht, dass deine Beine ihre Aufgaben wirklich klar getrennt haben.

Ich zeige dir, woran du Doppelgewichtigkeit in deiner Form erkennst und was das leere Bein dabei tun soll.

 

Leere und Fülle in den Füßen

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Was wäre, wenn du im Tai-Chi das Prinzip von Fülle und Leere bisher falsch interpretiert hast? Von außen sieht deine Form fließend und korrekt aus. Sobald jedoch eine äußere Kraft auf dich trifft, verlierst du dein Gleichgewicht oder musst mit Muskelkraft gegenhalten. Und das, obwohl du dich genau an die gelernte Gewichtsverteilung hältst.

Ich bin Frieder Anders, Großmeister der Yang-Familientradition. In 50 Jahren Lehrtätigkeit habe ich immer wieder beobachtet: Schülerinnen und Schüler kennen das Prinzip von Fülle und Leere, können sich aber trotzdem nicht vollständig verwurzeln und die Kraft eines Partners ableiten.

Der Grund liegt häufig in der Doppelgewichtigkeit, vor der die klassischen Texte ausdrücklich warnen. Sie entsteht, wenn die Funktionen deiner Beine nicht klar unterschieden sind und du beide Beine gleichzeitig benötigst, um deinen Rumpf zu tragen.

Genau darum geht es im vierten der zehn Prinzipien von Yang Chengfu: Leere und Fülle unterscheiden.

Yang Chengfu selbst schreibt dazu: „Gelingt die Trennung von Leere und Fülle, wird die drehende Bewegung leicht und wendig, und man braucht nicht ein Härchen an Kraft aufzuwenden.“

In diesem Video zeige ich dir, was Fülle und Leere in der Bewegung bedeuten, wie Doppelgewichtigkeit entsteht, warum die bekannte 70/30-Regel allein nicht ausreicht und wie du überprüfen kannst, ob die Funktionen deiner Beine wirklich klar getrennt sind.

Fülle bezeichnet die tragende Seite. Das volle Bein übernimmt das Gewicht des Rumpfes und verbindet deinen Körper über Fuß, Bein und Becken mit dem Boden.

Leere bezeichnet die verfügbare Seite. Dieses Bein wird zwar zur Sicherung des Gleichgewichts benötigt, trägt aber nicht den Rumpf.

Verlagere dein Gewicht einmal langsam von rechts nach links. Zu Beginn trägt das rechte Bein. Dann übernimmt zunehmend das linke, bis das rechte Bein frei wird. Auf diesen Moment achte ich in meinem Unterricht. Besonders der Rumpf wird eindeutig von einem Bein getragen.

Am Ende der Verlagerung entsteht eine einzige durchgehende Achse zwischen Rumpf und Bein, so wie du sie aus dem Einbeinstand kennst.

Diese Achse ist eine wichtige Voraussetzung für Verwurzelung. Sie darf jedoch nicht starr werden. Verwurzelung bedeutet nicht, sich mit aller Kraft an einer Stelle festzuhalten. Sie bedeutet, eine einwirkende Kraft durch den durchlässigen Körper zum Boden weiterzugeben und dabei beweglich zu bleiben.

Gelingt diese klare Unterscheidung nicht, entsteht Doppelgewichtigkeit. Der Körper versucht dann, sich mit beiden Beinen gleichzeitig abzusichern. Das fühlt sich zunächst stabil an.

Tatsächlich erzeugt es aber zwangsläufig unnötige Muskelanspannung. Das Becken verliert seine Beweglichkeit und die Kraft kann nicht mehr durch den Körper zum Boden geleitet werden.

Auch Wang Zongyue warnt eindringlich: „Lässt du dein Gewicht nicht klar auf einem Fuß ruhen, sondern verteilst es gleichmäßig auf beide Füße, werden deine Bewegungen plump. Selbst Übende, die jahrelang beharrlich trainiert haben, werden immer wieder besiegt, weil sie genau diesen Fehler der Doppelgewichtigkeit nicht erkennen.“

Ein Grund ist die bekannte Regel, das Gewicht ungefähr im Verhältnis 70 zu 30 zu verteilen. Du kannst äußerlich in einer perfekten 70-zu-30-Stellung stehen und trotzdem doppelt gewichtet sein.

Das geschieht, wenn das vermeintlich leere Bein weiterhin einen Teil deines Gewichts trägt und deshalb nicht sofort verfügbar ist. Du kannst nicht mehr spontan ausweichen oder die Richtung wechseln.

Nun könntest du denken: Dann nehme ich das Gewicht vollständig vom leeren Bein.

Li Yiyu schreibt sinngemäß: „Das Leere ist nicht völlig kraftlos.“ Leere bedeutet nicht, dass du den Fuß vom Boden wegziehst oder das Bein innerlich abschaltest. Das Bein bleibt wahrnehmend und verbunden.

Stell dir ein gewöhnliches Alltagsfahrrad vor. Ohne Klickpedale. Ein Bein tritt und wird voll. Das andere Bein wird leer und übt keinen Druck auf das aufsteigende Pedal aus.

Der leere Fuß bleibt aber mit dem Pedal in Kontakt und löst sich nicht davon. Sonst könnte er nicht sofort wieder in die Fülle wechseln, sobald er unten ankommt.

Beide Beine tragen so gemeinsam die Bewegung, obwohl zu jedem Zeitpunkt nur eines von ihnen wirklich trägt.

Ein weiterer Punkt, der bei fortgeschrittenen Übenden häufig eine Rolle spielt, ist Yongquan, die sogenannte sprudelnde Quelle an der Fußsohle. Yongquan ist ein wichtiger Orientierungspunkt für Wahrnehmung und Verwurzelung.

Problematisch wird es, wenn man versucht, Hüfte und Schulter geometrisch exakt darüber auszurichten und diese Position festzuhalten. Dann kann sich die Aufmerksamkeit so stark auf eine vorgesehene Linie richten, dass beide Beine wieder aktiv sichern.

Das leere Bein soll nicht aktiv in den Boden drücken. Es soll aber auch nicht seine Verbindung verlieren.

Das Gewicht kann sich deutlich in einem Fuß befinden, während die Aufmerksamkeit gleichzeitig den anderen Fuß einbezieht. Dadurch bleibt auch die leere Seite innerlich lebendig.

Diese Verteilung von Gewicht und Aufmerksamkeit verändert sich innerhalb der Form fortlaufend. Auch die Stelle im Fuß, über die sich die Verwurzelung organisiert, ist nicht in jeder Bewegung gleich.

Genau diese Zusammenhänge vermittle ich in meiner Übungshilfe „Yin Yang in den Füßen“. Dort zeige ich dir Schritt für Schritt, wie sich Gewicht und Aufmerksamkeit in den Füßen organisieren. Du lernst, woran du erkennst, ob dein leerer Fuß wirklich lebendig bleibt, ohne eine tragende Funktion zu übernehmen. Den Link zur Übungshilfe findest du unter diesem Video.

Im nächsten Video geht es um Punkt 5 von Yang Chengfu: Die Schultern sinken lassen und die Ellenbogen senken. Denn nur auf einer klar organisierten Basis können auch die Arme Kraft aufnehmen und weitergeben, ohne sich zu verspannen.