Hüfte oder Taille? Wie du Yao wirklich löst | Yang Chengfu 3/10

04. Oktober 2026 | Frieder Anders | Hüfte oder Taille? Wie du Yao wirklich löst | Yang Chengfu 3/10

Lockerst du im Tai-Chi die richtige Stelle, wenn von ›Yao‹ die Rede ist? Viele Praktizierende bewegen die Taille, andere die Hüfte.

Doch was meinte Yang Chengfu wirklich, wenn er im dritten seiner zehn Prinzipien von »Yao lockern« spricht? Denn das Wort ›Yao‹ kann Hüfte, Taille, Mitte oder Lende bedeuten. Doch je nachdem, wie du es verstehst, entsteht eine ganz andere Bewegung.

Ich zeige dir, welcher Bereich wirklich gemeint ist und wie daraus eine innere Kraft entsteht, die durch deinen ganzen Körper fließt.

Kraft aus der Körpermitte

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Du hast wahrscheinlich gelernt, im Tai-Chi die Hüfte zu lockern oder die Taille, je nachdem, welche Übersetzung dir begegnet ist. Doch was soll sich dabei eigentlich bewegen? Das ganze Becken, die äußere Taille oder ein tiefer liegender Bereich zwischen Oberkörper und Becken? Für deine innere Kraft macht das einen großen Unterschied.

Damit sind wir beim dritten von Yang Chengfus zehn Grundprinzipien. Darin heißt es, Yao sollte gelockert werden. Das chinesische Wort ›Yao‹ kann Hüfte, Taille, Mitte oder Lende bedeuten. Doch je nachdem, wie du es verstehst, entsteht eine andere Bewegung.

Ich zeige dir, welcher Bereich wirklich gemeint ist, welche Rolle das Lebenstor Ming Men dabei spielt und wie daraus eine Bewegung entsteht, die Atem, Becken und Rumpf miteinander verbindet.

Ich bin Frieder Anders, Meister der sechsten Generation in der Yang-Familientradition. Seit über 50 Jahren zeige ich meinen Tai-Chi-Schülerinnen und Schülern, wie schon kleine Veränderungen in der Haltung die innere Kraft und die Fähigkeit zum Entwurzeln beeinflussen.

Wenn du Yao als Hüfte verstehst, bewegst du leicht das gesamte Becken als Einheit. Es dreht sich dann wie ein Block. Ähnlich wie in den äußeren Kampfkünsten oder im Judo. Damit kannst du durchaus eine sichtbare und kraftvolle Bewegung erzeugen.

Doch im Tai-Chi soll die Bewegung nicht an einer Stelle hängen bleiben. Füße, Beine, Becken und Rumpf müssen so zusammenarbeiten, dass die Kraft durch den ganzen Körper weiterläuft.

Chen Xin schlägt vor, den Mund als Angelpunkt und Schlüssel der Bewegung zu nehmen. Ming Men wird meist mit Lebenstor übersetzt und gilt als Sitz ursprünglicher Vitalität. Für unsere Bewegung ist zunächst seine Lage entscheidend.

Der Ming Men liegt im unteren Rücken, ungefähr auf Höhe der Taille zwischen den beiden Nieren. Und genau hier am Ming Men sind die Ausläufer des Zwerchfells angewachsen.

Deshalb hängen die Bewegung des unteren Rückens und dein Atem unmittelbar zusammen.

Wenn du die Lendenwirbelsäule an dieser Stelle bewegst, aktivierst du den Ming Men und regst zugleich die Atmung an.

Auch Yang Chengfu schreibt, dass die Umwandlung von Leere und Fülle auf der drehenden Bewegung von Yao beruht.

Dabei gibt es aber nicht nur eine einzige Bewegungsrichtung.

Und an dieser Stelle kommt meine eigene Weiterentwicklung ins Spiel: Das Atemtyp-Tai-Chi.

Dabei unterscheiden wir zwei Atemtypen. Manche Menschen bauen ihre Kraft stärker beim Einatmen auf, andere beim Ausatmen. Beide arbeiten mit Ming Men als innerem Orientierungspunkt. Doch sie bewegen diesen Bereich in entgegengesetzte Richtungen.

Beim Ausatmer liegt die starke Phase im Ausatmen. Dabei verändert sich die untere Lendenwirbelsäule so, dass das Steißbein deutlicher nach hinten hervortritt. Fast wie ein kleiner Entenpo. Die Lendenwirbelsäule bildet dabei einen deutlicheren Knick. Der Rumpf kann sich leicht nach vorn neigen. Das heißt aber nicht, dass du nach vorn fällst. Du bleibst aufgerichtet, verwurzelt und von den Füßen getragen.

Beim Einatmer geschieht das Gegenteil. Seine starke Phase liegt im Einatmen. Die Lendenwirbelsäule bewegt sich nun in die andere Richtung. Der Rumpf richtet sich stärker nach hinten und oben aus. Ein traditionelles Bild dafür lautet: Der Nabel zeigt zum Mond.

Das Steißbein rollt nach vorne oben ein. Dadurch kippt die Basis des Kreuzbeins nach vorne unten. Das heißt nicht, dass du den Bauch herausdrückst oder unkontrolliert ins Hohlkreuz gehst. Die Bewegung bleibt klein.

In der jeweils schwächeren Atemphase löst sich diese stärkere Form wieder auf. Beim Ausatmer geschieht das während des Einatmens. Beim Einatmer geschieht das während des Ausatmens. Die Lendenwirbelsäule kehrt dabei in eine neutralere Stellung zurück.

So entsteht ein fortlaufender Wechsel von Aktivierung und Lösung, von Yin und Yang. Das ist die Beckenschaukel. Sie verbindet Atem, Becken und Rumpf.

Dabei ist ein Punkt besonders wichtig. Du darfst diese Bewegung nicht isoliert aus der Lendenwirbelsäule erzeugen.

Denn wenn du nur das Becken vor- und zurückkippst, entsteht eine äußerliche Wackelbewegung. Im ungünstigsten Fall belastest du dabei deinen unteren Rücken.

Suche eine kleine Bewegung, die durch den ganzen Körper geht. Entscheidend bleibt aber die Verbindung zu den Füßen. Ohne diese Verbindung bleibt die Beckenschaukel eine isolierte Bewegung. Mit Verwurzelung kann sie zum Ausgangspunkt fließender Kraft werden.

Wenn du das in deinem eigenen Körper sicher finden möchtest, kannst du es Schritt für Schritt vertiefen. In meinem Onlinekurs zeige ich dir in der Vertiefungsstufe ›Zentrumsbewegung‹, wie du dein Becken verwurzelst. Den Link findest du unter dem Video.

Vielleicht fragst du dich jetzt: Muss der Rücken im Tai-Chi nicht gerade sein? Das Ideal eines möglichst unbeweglichen Rückens begegnet uns besonders in der stillen Sitzmeditation. Dort muss keine Bewegungskraft durch den Körper weitergeleitet werden.

Im Tai-Chi ist das anders. Hier muss die Lendenregion stabil genug sein, um Kraft zu übertragen. Und zugleich beweglich genug, um die Beckenschaukel zuzulassen.

Doch damit diese Bewegung wirklich durch den Körper weiterläuft, braucht sie eine sichere Verwurzelung.

Genau darum geht es im nächsten Video, im Punkt 4 von Yang Chengfus zehn Grundprinzipien. Dort zeige ich dir, wie die Verwurzelung entsteht, die das Becken erst richtig tragen kann.