Warum entwickeln manche trotz jahrelangem Tai-Chi-Training keine echte innere Kraft (Jin-Kraft)? In diesem Video geht es um das erste der zehn Prinzipien von Yang Chengfu: die Ausrichtung des Scheitelpunkts. Die einen lehren, der Scheitelpunkt soll entspannt von oben gehalten werden. Die anderen, die Kraft solle zum Scheitelpunkt nach oben geführt werden. Zwei entgegengesetzte Richtungen, welche stimmt? Ich zeige dir, wie sich dieser scheinbare Widerspruch erklären lässt und warum dieselbe innere Ausrichtung nicht für jeden Menschen funktioniert. Du bekommst eine Übung mit, mit der du selbst spüren kannst, welche Haltung sich für deinen Körper kraftvoller anfühlt.
Nach oben führen oder nach unten lösen? | Yang Chengfu 1/10

Scheitelpunkt richtig ausrichten
https://online.tai-chi.academy/halsspirale
Du kannst Tai-Chi jahrelang üben, äußerlich alles richtig machen und trotzdem keine innere Kraft, keine Jin-Kraft entwickeln. Warum? In vielen Fällen, weil dein Scheitelpunkt falsch ausgerichtet ist. Nicht umsonst steht dieser Punkt bei Yang Chengfu an erster Stelle seiner zehn Prinzipien.
Mein Name ist Frieder Anders, Großmeister im Yang-Familienstil. In meinen 50 Jahren Tai-Chi sehe ich immer wieder dasselbe Problem: Die Form stimmt äußerlich, aber beim Entwurzeln fehlt die innere Kraft. Der Grund liegt häufig im Scheitelpunkt.
Denn das Problem ist: Yang Chengfus zehn Prinzipien sind keine eindeutige Gebrauchsanweisung. Die Worte allein sagen dir noch nicht, was du im Körper tatsächlich verändern musst. Gerade bei Punkt 1 wird das deutlich.
Eine verbreitete Übersetzung lautet: »Halte den Scheitel des Kopfes angehoben.« Eine andere, die mir wesentlich lieber ist: »Die Leere führt bis zum Scheitel.« Aber was bedeutet das konkret im Körper? Hebst du dich aktiv zum Scheitel hinauf oder lässt du den Körper unter dem Scheitel nach unten los?
In den klassischen Texten finden wir darauf zwei unterschiedliche Antworten. Chen Weiming, der Schüler, der Yang Chengfus Lehren aufzeichnete, schreibt: »Hängt der Kopf am Scheitelpunkt, dann ist man von selbst zentriert und aufrecht. Löst man sich restlos, dann ist man von selbst ruhig und gelassen.«
Das Bild ist das einer Marionette. Die Schnur hält von oben. Der Körper hängt entspannt darunter.
Ganz anders beschreibt es Chen Xin, ein bedeutender Meister des Chen-Stils: »Bei aufwärtsgerichtetem Führen der Jin-Kraft des Scheitelpunkts hat man die Vorstellung, man bewege den Scheitelpunkt aufwärts und spalte den Himmel.«
Hier entsteht das gegenteilige Bild: das einer Stockpuppe, die an einem Stab von unten geführt und nach oben aufgerichtet wird.
Zwei Meister beschreiben zwei entgegengesetzte Richtungen für dieselbe äußere Form. Wie kann das sein?
Genau diese Frage hat mich lange beschäftigt. Die entscheidende Spur fand ich außerhalb des Tai-Chi, in meiner klassischen Gesangsausbildung. Dort lernte ich eine Unterscheidung kennen, die meine weitere Tai-Chi-Arbeit von Grund auf verändert hat: Manche Menschen bauen ihre Kraft stärker beim Einatmen auf, andere beim Ausatmen.
Die einen nenne ich Einatmer, die anderen Ausatmer. Natürlich atmen beide Typen immer ein und aus. Der Unterschied ist, welche Atemphase die Bewegung führt. Der Einatmer konzentriert sich auf das Einatmen und lässt das Ausatmen möglichst von selbst geschehen. Beim Ausatmer ist es genau umgekehrt.
Doch Ein- und Ausatmer unterscheiden sich nicht nur darin, welche Atemphase ihre Bewegung führt. Auch ihre körperliche Organisation muss dazu passen.
Jetzt ergaben die unterschiedlichen Beschreibungen der Meister für mich Sinn. Das Bild der Marionette von Chen Weiming entspricht dem Ausatmer. Das Bild der Stockpuppe von Chen Xin entspricht dem Einatmer.
Schauen wir uns Punkt 1 jetzt für beide Atemtypen konkret an. Mach gleich mit und teste, was sich für deinen Körper natürlicher und kraftvoller anfühlt.
Typ eins: der Ausatmer. Die Marionette. Wenn du dieser Typ bist, entsteht deine Aufrichtung durch Loslassen nach unten. Stell dir vor, dein Kopf wird am Scheitel gehalten. Schultern, Brustkorb und Becken sinken entspannt nach unten. Deine Arme hängen locker neben dem Körper. Die Knie kannst du leicht beugen.
Jetzt atmest du lang durch den halb geöffneten Mund aus. Das Einatmen passiert automatisch, aber du ziehst den Kopf nicht nach oben. Die Aufrichtung entsteht dadurch, dass der Körper unter dem Scheitel loslassen kann. Die Energie folgt der Ausatembewegung nach unten und in die Weite.
Yang Chengfu sagt in Punkt 1: »Die Leere führt bis zum Scheitel.« Leere meint hier Durchlässigkeit. Deine Körperhaltung entsteht also nicht durch willentliche Muskelkraft, sondern durch deine Vorstellung und innere Ausrichtung.
Wie fühlt sich das für dich an? Fällt dir diese Bewegung leicht? Machen wir die Gegenprobe.
Typ zwei: der Einatmer. Die Stockpuppe. Beim Einatmer entsteht die Aufrichtung durch ein inneres Strecken von unten nach oben. Stell dich aufrecht auf beide Füße. Strecke deinen Scheitel aktiv zum Himmel. Achte darauf, dass du dabei weder den Nacken verspannst noch den Brustkorb nach oben ziehst. Ganz durchlässig, ohne willentliche Muskelaktivität.
Wenn sich deine Arme vom Körper lösen möchten, lass es zu.
Jetzt atme tief ein. Fülle den ganzen Rumpf dabei. Du nimmst die Verbindung zum Boden auf und führst die Kraft durch den Körper bis zum Scheitel, so als würdest du, wie Chen Xin es beschreibt, mit dem Scheitel den Himmel berühren oder spalten. Das Ausatmen erfolgt automatisch.
Spürst du den Unterschied in deinem Körper? Welche der beiden Haltungen liegt dir mehr? Wann fühlst du dich kraftvoller?
Was ich dir hier im Stand zum Scheitelpunkt gezeigt habe, ist erst der Anfang. Entscheidend ist, wie du deinen Kopf in der Bewegung führst, sodass du dich optimal aufrichten kannst.
Genau daran arbeiten wir in meinem Onlinekurs zur Halsspirale. Dort lernst du Schritt für Schritt, Haltung, Atmung und Bewegung an deinen natürlichen Atemtyp anzupassen, um so deine innere Kraft zu steigern. Den Link findest du unter diesem Video.
Im nächsten Video wird es um Punkt 2 von Yang Chengfu gehen: ›Die Brust zurückhalten und den Rücken heben.‹ Warum die Schultern dabei eine zentrale Rolle spielen und du deine Vorstellung von optimaler Aufrichtung vielleicht noch einmal grundlegend überprüfen solltest, erfährst du dort.