Schultern sinken lassen - aber wie? | Yang Chengfu 5/10

30. Oktober 2026 | Frieder Anders | Schultern sinken lassen - aber wie? | Yang Chengfu 5/10

Lässt du im Tai-Chi die Schultern sinken und merkst trotzdem, dass deine Kraft im Schultergürtel stecken bleibt? Ob sie bis in die Hand läuft, entscheidet ein Spalt von wenigen Millimetern in deinem Schultergelenk.

Punkt 5 der 10 Punkte von Yang Chengfu lautet: »Schultern sinken lassen, Ellbogen fallen lassen.«
Die Anweisung klingt eindeutig. Trotzdem scheinen sich die alten Meister hier zu widersprechen: Yang Chengfu empfiehlt die Schultern herunterhängen zu lassen, Chen Xin warnt genau davor.
Ich zeige dir, wie dieser vermeintliche Widerspruch zu verstehen ist und wie du über die Armbewegung eine gelöste, tragfähige Schulter entwickelst, die deine innere Kraft bis in die Hände weiterleitet.

Schultern sinken lassen – aber wie? Yang Chengfu 5|10

Ob deine Arme im Tai-Chi innere Kraft übertragen können oder nicht, entscheidet ein Spalt von wenigen Millimetern in deinem Schultergelenk. Du kannst ihn zwar   sehen noch wirklich fühlen. Und trotzdem entscheidet er darüber, ob deine Kraft bis in die Hand läuft oder im Schultergürtel stecken bleibt.

Ich bin Frieder Anders, Großmeister der sechsten Generation im Yang-Familienstil. Seit über 50 Jahren unterrichte ich Tai-Chi. Der fünfte der zehn Punkte von Yang Chengfu lautet: »Schultern sinken lassen, Ellbogen fallen lassen.« Das klingt nach einer Anweisung, bei der man wenig falsch machen kann. Sobald ich jedoch an der Hand ziehe oder einen leichten Druck gebe, versickert die Kraft irgendwo zwischen Brustkorb, Schulterblatt und Oberarm. In diesem Video zeige ich dir, was Yang Chengfu mit dem fünften Punkt wirklich meint, warum sich die alten Meister an dieser Stelle vermeintlich widersprechen und wie du über die Armbewegung eine gelöste, tragfähige Schulter entwickelst.

Yang Chengfu sagt: »Die Schultern lockern und öffnen sich und hängen herab.« Aber Chen Xin sagt: »Die Schultern lockern ist nicht, dass man sie herunterhängen lässt.« Auf den ersten Blick wirken die Aussagen der Meister widersprüchlich. Einmal hängen die Schultern, einmal nicht. Wie kann das sein? Die Antwort darauf findest du im Atem.

Bereits vor 90 Jahren beschrieb Erich Wilk eine Beobachtung, die in der Welt des Tai-Chi bis heute kaum bekannt ist: Jeder Mensch hat von Natur aus eine Atemphase, die ihn mehr stärkt als die andere. Auf der einen Seite gibt es Menschen, die ihre Kraft im Ausatmen entwickeln und deren Energie sich nach unten und in die Weite ausrichtet, die sogenannten Ausatmer. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die ihre Kraft im Einatmen gewinnen und deren Energie nach oben steigt, die sogenannten Einatmer. Selbstverständlich atmen beide ein und aus. Aber dadurch, dass sie von der jeweils anderen Atemphase stärker profitieren, haben Ein- und Ausatmer unterschiedliche Atem- und Bewegungsmuster. Im Idealfall. Denn obwohl der Körper aus einer bestimmten Haltung die meiste Kraft und Stabilität gewinnt, nehmen wir diese häufig nicht mehr automatisch ein. Kulturelle Prägungen oder falsch interpretierte Regeln lassen uns in Haltungen verfallen, die oft weniger dienlich sind.

Aus diesen Erfahrungen – meinen eigenen und denen mit meinen Schülerinnen und Schülern – habe ich Atemtyp-Tai-Chi entwickelt. Dort lehre ich jede Bewegung in zwei Versionen: einmal für die Ausatmer und einmal für die Einatmer. Einmal für die Menschen, deren Energie sich nach unten und in die Weite ausrichtet, und einmal für die Menschen, deren Energie nach oben steigt. Und damit erklärt sich auch der vermeintliche Widerspruch zwischen den beiden Meistern: Beide beschreiben völlig korrekt, was für ihren eigenen Atemtyp gilt. Die Prinzipien der Atemtypen waren damals nur noch nicht bekannt.

Schauen wir uns zuerst die optimale Haltung für den Ausatmer an, wie – nach meiner Einschätzung – Yang Chengfu einer war. Schultern und Ellbogen hängen herab. Li Yaxuan, ein Meisterschüler von Yang Chengfu, beschreibt das so: »Die Bewegungen machen einen stattlichen Eindruck und man hat ein ungewöhnlich volles und pralles Gefühl dabei. Und so kommt es, dass man über eine gewaltige, aber gleichzeitig sensitive, elastische Federkraft verfügt.« Aber die Haltung sei keine »Weichheit wie Matsch, so als ob man nicht mal seine Hand heben könnte«. Hängen lassen bedeutet also nicht schlaff werden. Du bleibst voll und lebendig.

Beim Einatmer, wie vermutlich Chen Xin einer war, ist es anders. Seine Schultern werden schwebend gehalten, aber weder hochgezogen noch nach hinten genommen. Genau das meint Chen Xin, wenn er sagt, Lockern sei nicht gleich Hängenlassen. Und jetzt kommen wir zum Kern: Der Gelenkspalt der Schulter, von dem ich am Anfang gesprochen habe. Er ist der Zwischenraum zwischen dem Oberarmkopf und der Gelenkpfanne. Öffnet der Spalt sich, läuft die Kraft durch bis in die Fingerspitzen. Und du kannst einen Angreifer entwurzeln, ohne den Einsatz von Muskelkraft. Doch jetzt kommt das Problem: Du kannst ihn nicht willentlich auf- und zumachen wie eine Hand. Wie also übst du etwas, das du nicht spürst? Über die Armbewegung. Genauer: über die Drehung der Unterarme. Sehen wir uns den Anfang der Form an:

Bei der Ausatmerin sinkt die linke Hand und wird dabei allmählich gedreht. Schultern hängen, Ellbogen offen. Diese Drehung hält die Schulter an ihrem Platz und öffnet den Spalt sanft, wie nebenbei. Die oberen Rippen bleiben ruhig, der Atem fließt in Bauch und Flanken.

Beim Einatmer sinkt die Hand zunächst, ohne zu drehen, und dreht sich erst, wenn die Sinkbewegung abgeschlossen ist. Das öffnet den Spalt weiter. Die oberen Rippen werden geweitet und der Atem füllt den oberen Rumpf. Die Schulter steuert mit, wohin der Atem geht. Alles an diesem Punkt hängt also an der Armbewegung. Und die kannst du üben, auch wenn der Spalt selbst sich dem Fühlen entzieht. Genau darum geht es in meinem Onlinekurs zur Vertiefungsstufe ›Armspirale‹. Dort lernst du die Drehrichtungen der Unterarme für deinen Atemtyp, der im Vorfeld bestimmt wird.

Den Link findest du unter diesem Video. Im nächsten Video geht es um Punkt 6 von Yang Chengfu. Bis hierher haben wir den Körper geformt, vom Scheitel bis in die Arme. Doch wodurch wird alles in Bewegung gesetzt? Im sechsten Punkt kommt der Geist hinzu.