Meister Zhuang fischte einst am Pu-Fluss. Der König von Chu entsandte zwei hochrangige Beamte mit folgender Botschaft zu ihm: »Ich möchte Euch mit der Verwaltung meines Reiches beladen.«
Mit der Angelrute in der Hand sagte Meister Zhuang, ohne sich auch nur umzudrehen: »Ich habe gehört, dass es in Chu eine heilige Schildkröte gibt, die schon seit dreitausend Jahren tot ist. Der König verwahrt sie in seinem Ahnentempel in einem mit Tuch umwickelten Korb. Was glaubt Ihr wohl, wäre dieser Schildkröte lieber: dass sie tot ist und ihre Knochen als Objekt der Anbetung aufbewahrt werden, oder lebendig zu sein und ihren Schwanz durch den Schlamm zu ziehen?«
»Sie wäre sicher lieber lebendig und zöge ihren Schwanz durch den Schlamm«, sagten die beiden Beamten.
»Also fort mit Euch!«, sagte Meister Zhuang. »Ich will meinen Schwanz lieber weiter durch den Schlamm ziehen!«
Kapitel 17 – Herbstfluten – 秋 水 – Qiū Shuǐ
(Zhuangzi; Mair, Schuhmacher; 2008; S. 203)
Die heilige Schildkröte
Die Schildkröte gilt weltweit als eines der ältesten Symbole für Weisheit, Langlebigkeit und Beständigkeit – in Japan sogar für Unsterblichkeit.
Das prädestiniert sie zum ›Wappentier‹ von Tai Chi Chuan, dessen Übung »geschmeidig wie ein Kind, gesund wie ein Holzfäller und gelassen wie ein Weiser« machen soll, wie es in China heißt – um Langlebigkeit zu erreichen.
Und die Langsamkeit kommt dazu, als offenkundige Verlockung, der heute vorherrschenden Hektik zu entkommen.
Nun ist Tai Chi eine innere Kampfkunst, die aber fälschlicherweise als ›weiche‹ Kampfkunst interpretiert wird: Siegen durch Nachgeben und dann weiter friedfertig den Schwanz durch den Schlamm ziehen.
Aber Tai Chi ist keine ›weiche‹ Kampfkunst. Mit Armen »wie Eisen, mit Baumwolle umwickelt« kann ein Schlag tödlich sein, auch wenn die Tai-Chi-Ethik weder Verletzung noch Zerstörung vorsieht oder gutheißt.
Das äußere Erscheinungsbild von langsamen, entspannten Bewegungen trügt also, wenn damit auf Friedfertigkeit geschlossen wird.
Denn dafür taugen die Schildkröten nicht als Vorbild.
Schildkröten sind ausgeprägte Einzelgänger und territorial. Vor allem Männchen, aber auch Weibchen, können sehr aggressiv aufeinander reagieren. Dabei kommt es zu gefährlichen Kämpfen, die schwere Verletzungen nach sich ziehen können.
Der aufrechte Gang
Das westliche Ideal der menschlichen aufrechten Haltung hat seinen Ursprung in der griechischen Philosophie, und hier spielt der Kopf die wichtigste Rolle: als »Wohnstätte des Göttlichsten und Heiligsten in uns« wird er »in überragender Stellung« gehalten und getragen, und der übrige Körper muss ihm zu Diensten sein.
Der Kopf ist, als rundes Behältnis der Seele, dem Kosmos nachgeformt und wird getragen von einem Fahrgestell, das durch Rumpf und Gliedmaßen gebildet wird. Gleichzeitig dient der Rumpf als Behältnis für zwei weitere Seelenteile: Im Brustkorb sitzt der Wille zur Selbstbehauptung, das Ego, und der animalische und triebhafte Seelenteil wohnt im Unterleib – aber der Kopf beherrscht, aufgrund der himmlischen Herkunft seiner Seele, beide, Brust und Bauch.
Lasse Arme und Beine immer rund,
dann wirst du dich nie verausgaben. [...] Qi ist wie ein Rad.
Wu Yuxiang (1812–1880)
Kugel
Im Tai Chi, der Bewegungskunst, die Himmel und Erde verbinden soll, ist nicht nur der Kopf rund, sondern der ganze Körper, d.h. Beine und Arme, muss eine Kugelgestalt annehmen.
»Die Kugelgestalt, das Ideal der Vollkommenheit, garantiert allein für die Ewigkeit, die Unentstandenheit, Unvergänglichkeit und Unwandelbarkeit des Seins.« (Karen Gloy)
Nicht nur der Kopf, als ›Behältnis‹ der Seele, symbolisiert Vollkommenheit, sondern der ganze Körper: das Streben nach Unvergänglichkeit – die als ›Unsterblichkeit‹ in China gesucht wurde.
dieser Kugelgestalt des Körpers ermöglicht Tai Chi die Kultivierung der Lebensenergie Qi und entwickelte innere Kraft, die die Tai-Chi-Meister vergangener Zeit berühmt gemacht hatten, weil sie damit Angreifer abwehren konnten, ohne zu verletzen oder zu zerstören. Heute ist sie im Tai Chi äußerst selten.
Denn betrachtet man die Praxis von Tai Chi als Kampfkunst, dann sieht man aufrechte, auf ihre Würde bedachte Menschen, die hauptsächlich mit den Aktionen der Arme – möglichst weich – den Kampf gewinnen wollen. Aber diese aufrechte Haltung kann keine innere Kraft generieren, weil deren Quellen unterhalb des Kopfes, im ›Leib‹, negiert werden.
Rund wie eine Schildkröte
Um der Schildkröte ähnlich zu werden, müssen die aufrechte Haltung und das Ego, das sie hält, aufgegeben und der Übende muss, bildlich gesprochen, wieder zum Vierfüßler werden: Er muss seinen Körper – symbolhaft – in den einer Schildkröte verwandeln: Turtle Body, und er muss zulassen, dass sich die animalischen und aggressiven ›Seelenteile‹ zeigen können, damit sie bewusst transformiert werden können.
Wie sieht das praktisch aus?
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